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ISSUE #007 | SILENCE IN GREENER CITIES

Draußen blüht der Frühling. Die Natur in den Parks und Stadtgärten um uns wird wieder lebendig. Unser öffentliches Leben dagegen ist weitestgehend zum Stillstand gekommen. Auf Eis gelegt von einem Virus, dass wir vor ein paar Monaten noch nicht mal kannten.

Während die Gesellschaft draußen still steht, ungewollt Ruhe eingekehrt ist in den Clubs, Cafés und Einkaufsstraßen, haben wir plötzlich Zeit zur Einkehr – wortwörtlich, und im Blick auf uns selbst. Entschleunigung, die auch Raum für neue Perspektiven schafft.

„Social Distancing“ – ein Begriff, der momentan weite Kreise zieht. Dabei sollte es besser „Physical Distancing“ heißen. Denn körperlich gehen wir auf Distanz, aber sozial und emotional sind wir uns näher als je zuvor. Hinter den Fassaden erblühen kreative Ideen und Projekte gegen Vereinsamung und Langeweile, für Teilhabe und Solidarität. Die Digitalisierung ist das zentrale Instrument, um sich in dieser Welt im Ausnahmezustand zu vernetzen.

Welche Chancen birgt die Krise?

Und ist es zynisch, angesichts der vielen Todesopfer ihr überhaupt etwas Positives abgewinnen zu wollen? Viel zu viele unserer Mitmenschen kämpfen wortwörtlich um ihr Überleben, mit ihnen Mediziner*innen und Pflegekräfte weit über den Grenzen der eigenen Belastbarkeit. Unzählige andere ringen wirtschaftlich um ihre Existenz. Dazu gehören auch wir. Seit 10 Jahren machen wir kompromisslos Sustainable Fashion. Und plötzlich:
Business As Unusual. Still gelegter Einzelhandel, Homeoffice, Kurzarbeit. Alle Fashion-Messen sind abgesagt, die ersten Produzenten schließen. Eine Entwicklung, die weite Kreise ziehen wird – worüber unser Gründer Robert im TAZ-Interview sprach. Wie es weitergeht, kann derzeit niemand sagen. Dennoch: Ohne Idealismus und „Einfach machen!“ wären wir nicht da, wo wir heute sind.

Wir wollen gemeinsam mit dir hinschauen, welche Chancen jetzt auf uns warten in einer Welt, in der Wirtschaft und öffentliches Leben brachliegen, in der sich aber dennoch vieles bewegt - gesellschaftlich und in jedem einzelnen von uns. In einer Zeit des Übergangs, in der wir wieder Herr über unser eigenes Tempo werden. Vieles, was jetzt entsteht, wird unser urbanes Zusammenleben nachhaltig verändern.

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Einfach machen und gemeinsam sein.

Das ist es, was in den letzten Wochen überall passiert: Wir finden neue Lösungen, um zusammen zu sein, einander zu unterstützen. Leise, selbstverständlich, ohne großes Aufsehen machen wir plötzlich das beste aus der Situation.

In Hamburg ist vor kurzem der erste Social Media Sender
ONE Hamburg gestartet – nur fünfeinhalb Tage von der ersten Idee bis zur ersten Sendung. Berliner Clubs streamen auf der Plattform United We Stream täglich DJ-Sets, Live-Musik und Performances, ebenso wie Gesprächsrunden und Beiträge zur Clubkultur. Die Basketballtrainer*innen von Alba Berlin lassen via Youtube in vielen deutschen Haushalten jeden Morgen Kinder und Eltern gemeinsam sporteln.

Menschen sind nicht mehr getrieben, rauszugehen, immer unterwegs zu sein, aus Angst, etwas zu verpassen. Veranstaltungen und Entertainment holen wir uns nun gezielt nach Hause, via Youtube und Social Media. Es geht nicht mehr um individuellen Konsum, sondern Event-Charakter und Wir-Gefühl rücken in den Vordergrund – Stichwort: #zusammenzuhause.

Und die Eltern und Großeltern der Digitial Natives? Wer digital vernetzt und rüstig genug ist, der bekommt jetzt das beste Silver Surfer Training. Ältere und Gefährdete erfahren Solidarität und Nachbarschaftshilfe. Kommunikation via Aushang, Flyer, Annoncen, Telefon oder sogar per Post. Die junge Generation bemerkt: Es gibt sie noch, die Offline-Kanäle, um in Kontakt zu treten.

Technologie trifft Humanität.

Wir sind nicht mehr nur 24/7 online, sondern die Anliegen unserer Mitmenschen erreichen wieder unser Herz. Empathie und Verbindlichkeit wachsen. Die Wege zueinander werden wieder kürzer – im virtuellen Raum und als Teil der Gemeinschaft, zu der Nachbarschaft in unserem Kiez wieder wird.

Der Zukunftsforscher
Matthias Horx nennt dies eine neue „Kultur der Erreichbarkeit“. Horx hat dazu einen inspirierenden Artikel verfasst, in der er sich einer Regnose bedient – dem gegenteiligen Verfahren zur Prognose. Er trifft keine Vorausschau, wie unsere Welt im Herbst 2020 aussehen wird, sondern betrachtet von dort aus die Welt vor Corona und unser Jetzt in der Rückschau. Der Impfstoff in seiner Utopie wurde bereits im Sommer gefunden. Und die Menschheit dort wundert sich: Dass sozialer Verzicht nicht zu Einsamkeit führte. Dass Höflichkeit wieder an Wert gewann. Dass digitale Kulturtechniken, vor denen wir uns lange scheuten – Telefon- und Videokonferenzen, E-Learning – plötzlich praktikabel sind und New Work funktioniert. Darüber, dass Hektik und Zynismus unserem Leben verschwunden sind und der große Technik-Hype vorbei ist.

Denn Technologie und Digitalisierung helfen uns zwar, um in der Krise zu überleben und zusammenzufinden, doch jetzt beginnt unser kulturelles Verhältnis zu ihnen, sich zu ändern – ihr Einsatz ist zunehmend geprägt von Humanität und der Frage, was wir für einander sind.

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Nachhaltige Beziehungen.

Ein Bild, das Horx‘ Vision von nachhaltigen Beziehungen – menschlich, ökologisch und wirtschaftlich – nährt, zeigt sich jetzt in unseren Straßen: Balkone, wo sich jahrelang Getränkekisten stapelten und Moos über verwitterte Klappstühle wuchs, rücken in unseren Lebensmittelpunkt. Menschen singen und musizieren dort gemeinsam, machen Sport, applaudieren denen, die täglich raus müssen und unser System am Laufen halten. Nicht mehr lange, dann werden sich diese Balkone in grüne Oasen und Wohlfühlorte verwandeln. Als Reaktion auf das mulmige Gefühl im Supermarkt setzen wir künftig noch mehr auf Selbstversorgung: Urban Gardening begrünt Hausfassaden und schafft Raum für Natur inmitten der Stadt.

Beispiele, dass der Stillstand von Industrie und Wirtschaft eine segensreiche Verschnaufpause für unseren Planeten ist, gibt es – vom kristallklaren Wasser in Venedigs Kanälen bis hin zum immensen CO²-Rückgang in China. Wie beständig diese Effekte sein können, hängt nun davon ab, ob es der Weltpolitik gelingt, den bisherigen Mangel an zukunftsfähigen Strategien und Maßnahmen aufzufangen und in der Krise auf nachhaltige Investitionen zu setzen, damit Klima und Wirtschaft zum Wohle aller co-existieren können.

Solidarisch in die Zukunft.

Wir sagen: Lasst uns solidarisch und konstruktiv sein. Auf allen Ebenen. In unserem Kiez, unserer Stadt, über Ländergrenzen hinweg, für die Zeit nach Corona und kommende Generationen. Wir wünschen uns, dass noch mehr Menschen in das Boot geholt werden, von dem nun endlich allen bewusst sein sollte, dass wir gemeinsam darinsitzen – Menschen auf der Flucht, ohne Obdach, ohne Arbeits- und Sozialschutz in Textilfabriken – all diejenigen, die schon vor COVID-19 drohten, unterzugehen. Wir werden nicht kentern. Wir erleben aktuell, wie gut die Digitalisierung uns vernetzt. Was uns aber in Wirklichkeit verbindet, sind Empathie, Mitmenschlichkeit und Solidarität. Dies sind die Saiten in uns, die laut zum Klingen kommen, wenn die Geschäftigkeit draußen stillsteht und urbanes Leben, wie wir es kannten, ruhen muss.
 
Wir glauben an Horx' Vision:

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Hoppla, da ist etwas schief gelaufen!

Verstanden!