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ISSUE #008 | Bike Cities: Macht Corona unsere Städte fahrradfreundlich?

Die Verkehrsbelastung in deutschen Städten ist laut Allgemeinem Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) seit Corona um rund 40% gesunken. Für viele Stadtmenschen ist das Fahrrad in den vergangenen Monaten zum Fortbewegungsmittel Nummer Eins geworden. Lokale Fahrradhändler*innen freuen sich seit der Wiederöffnung über steigende Verkaufszahlen vom Ersatzteil bis zum E-Bike. Wie beeinflusst die Pandemie unser Stadtbild und wie nachhaltig kann diese Verkehrsentwicklung sein?

Platzmangel, Staus, Lärm und Luftverschmutzung. Stadtverkehr vs. Klimaschutz. Die Pandemie fördert zutage, wie krisensicher städtische Verkehrssysteme sind. Oder eben nicht. Fände gegenwärtig eine Rückbesinnung aufs Auto statt, weil der öffentliche Nahverkehr zu wenig Abstand bietet, stünden Deutschlands Städte laut ADFC vor dem Super-Stau.

Seit der Corona-Krise rüsten Städte europaweit aufs Fahrrad um. So beispielsweise Wien und Brüssel. Selbst für ihr Verkehrschaos berühmt-berüchtigte Metropolen wie Paris, Rom und
London ergreifen Maßnahmen, um den Stadtverkehr zu entzerren und Radfahrer*innen mehr Platz und sicheres Fortkommen zu ermöglichen.


Tempo 30 in Brüssel

Ausgerechnet die klassische Autostadt Brüssel, in der man bislang nicht gerade mit Barrierefreiheit und gut ausgebautem öffentlichem Nahverkehr glänzte, brilliert laut
Spiegel Online in der Krise mit revolutionären Änderungen des innerstädtischen Verkehrsraums. Die gesamte City wurde zur verkehrsberuhigten Zone erklärt. Innerhalb des Innenstadtrings dürfen seit Mitte Mai Fußgänger*innen und Radfahrer*innen sämtliche Fahrbahnen mitbenutzen, um Abstand halten zu können. Während die eingeschworenen Brüsseler Autofahrer*innen die Verkehrsberuhigung in dieser testweise eingerichteten „Begegnungszone“ noch gern übersehen, meinen die Behörden es langfristig ernst: Ab 2021 soll in ganz Brüssel standardmäßig Tempo 30 gelten. Zudem entstehen 40 Kilometer neue Radwege und 15 Kilometer Fußwege. Man will vermeiden, dass mit den aktuellen Lockerungen sich wieder mehr Menschen dicht an dicht in öffentlichen Verkehrsmitteln drängen oder aufs Auto umsteigen. Es braucht Alternativen - auch, um Strafen zu vermeiden, die drohen, wenn Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität nicht eingehalten werden. Denn die muss laut einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs nach einer Klage Brüsseler Bürger auch an besonders verkehrsbelasteten Stellen gemessen werden. Das Urteil gilt seit letztem Sommer EU-weit – und könnte auch Großstädte hierzulande in die Pflicht nehmen.
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Autoarmut in Paris

In Paris wurden Anfang Mai die rechten Spuren zahlreicher Boulevards in temporäre Fahrradspuren verwandelt. 50 Kilometer neue Radwege sollen entstehen. Wird Bürgermeisterin Anne Hidalgo wiedergewählt, plant sie, das historische Zentrum um den Louvre komplett autofrei zu machen. Eine besondere Herausforderung für Frankreichs Hauptstadt sind die vielen Arbeitspendler aus Vororten, für die das Fahrrad (bisher) keine Alternative darstellt. In Zukunft soll nur noch die Hälfte der Autos in die Stadtfahren dürfen, tagesweise abwechselnd, je nach Kennzeichen. In der Peripherie sind dafür bereits 2000 neue Park-and-Ride-Parkplätze an Metro-Stationen entstanden. Für eine autoarme Pariser City braucht es wie vielerorts noch einige gute Ideen in Sachen
Urban Mobility – eine smarte Vernetzung von Micro-Verkehrslösungen wie City-Bikes und E-Scootern, ökologischeren ÖPNV und Sharing-Modelle.

Im bislang wenig umweltbewussten Rom bezuschusst man aus dem Corona-Hilfspaket aktuell E-Scooter- und Fahrradkäufe mit 60% des Kaufpreises – so schreibt Der Standard im Artikel
„Corona Krise: Europas Metropolen wechseln auf die Fahrrad-Spur“

Index für urbane Fahrradfreundlichkeit

Das Maß aller Dinge in Sachen städtischer Fahrradfreundlichkeit ist der
Copenhagenize Index. Kopenhagen – die Fahrradhauptstadt Europas. Die (Rad-)Verkehrsplanung und Infrastruktur in Dänemarks Hauptstadt gilt seit Jahren als besonders sicher, ganzheitlich und ökologisch. Wie sich das Radfahren dort im Vergleich zum Stadtverkehr in Frankfurt am Main gestaltet, erfährst du in einem Erfahrungsbericht auf Zukunft Mobiliät.

Der Copenhagenize Index ermittelt seit 2011 im Zweijahresrhythmus die zwanzig fahrradfreundlichsten Metropolen der Welt. Im aktuellen Ranking von 2019 liegt Kopenhagen – natürlich – auf Platz 1), gefolgt von Amsterdam und Utrecht. Während sich auf den Spitzenplätzen regelmäßig Städte aus Skandinavien und den Niederlanden tummeln, ist im Rest des Rankings viel Bewegung – im letzten Jahr überraschten Newcomer wie Bremen, Bogotá und Taipei.

2019 auf dem letzten Platz: Unsere Heimatstadt Hamburg. Vor der eigenen Haustür betrachten wir die verkehrspolitischen Entwicklungen, auch katalysiert durch die Pandemie, natürlich mit besonderer Spannung. Wie lässt sich nachhaltige Mobilität stärken und für Menschen, die zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sind, mehr Platz schaffen, damit sie Abstand halten können, und ein krisensicheres Verkehrssystem entsteht?
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Copenhagenize Index 2019

Hamburg: Aus Pop-Up wird Verkehrswende

Mitte Juni überraschte der ADFC Hamburger Auto- und Fahrradfahrer*innen mit
Pop-Up Bike Lanes entlang der Alster und der vielbefahrenen Stresemannstraße. Ein kompletter Fahrstreifen wird dabei kurzerhand zur temporären Fahrradstrecke umfunktioniert. Pop-Up Bike Lanes gibt es seit des Lockdowns auch in Berlin,  Stuttgart und München, wo sie zum Teil bis Ende Jahres bestehen bleiben. Diese Aktionen zeigen, wie sich unser Stadtbild verändert, wenn es eine gerechtere Aufteilung des Verkehrsraums gäbe und Fahrradmobilität mehr – und sicherer - Platz eingeräumt wird.

Pop-Up Bike Lines waren auch ein Thema auf der
Veloweek 2020, für die neben Berlin und Frankfurt auch Hamburg Veranstaltungsort hätte sein sollen. Was in den Vorjahren als mehrtägiges Fahrradfestival über die Bühne ging, war diesmal pandemiebedingt eine virtuelle Messe mit Livetalks, Tutorials und Podcast. Anstelle des Selbsterlebens und der Emotionen, die sonst das Event prägen, trat umso mehr die Diskussion um „Status & Visionen“ für urbanen Radverkehr.

In Hamburg will Anjes Tjarks, neuer grüner Verkehrsminister, den Autoverkehr in der City deutlich reduzieren und Fahrradfahren attraktiver machen. Auf dem
Jungfernstieg soll es keinen motorisierten Individualverkehr mehr geben, dafür mehr Platz für Fußgänger*innen, Radfahrer*innen und Gastronomie. Neubauquartiere sind bereits autoarm oder sogar autofrei geplant. Dafür mit Parks und direkten Anbindungen an Velorouten und Radschnellwege. Sicher verbaute Radwege gehören ebenso dazu wie Abstellmöglichkeiten direkt vor der Haustür und bevorzugte Ampelschaltungen.

Copenhagenize it!

In Kopenhagen begnügt man sich nicht mit Fahrradspuren, hier wird schon lange in baulich abgetrennte Radwege investiert. So fühlen sich auch Familien mit Kindern und Senior*innen sicher. Das ist auf den ersten Blick teuer – spart laut
Dänischem Radfahrerverband der Gesellschaft pro gefahrenem Rad-Kilometer aber im Schnitt einen Euro, denn die Dänen leben dadurch länger und gesünder. Auch der lokale Einzelhandel profitiert von radelnden Kund*innen, die einfach anhalten und shoppen, wenn sie sich in ein Teil der Schaufensterauslage schockverliebt haben.

Diesen ganzheitlichen Blick spiegelt auch der Copenhagenize Index – er bewertet nicht nur nicht nur Infrastruktur und sichere Verkehrsführung, sondern auch „Culture“ und „Ambition“ – wie verwurzelt ist Fahrradfahren in der Lebensführung und im alltäglichen Miteinander; welchen gesellschaftlichen Status hat es und wie hoch verortet ist seine (verkehrspolitische) Priorität für das urbane Leben in der Zukunft?
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Infrastrukturell ist in unseren Städten vieles in Bewegung. Sichere Radverkehrswege gehören zu den Voraussetzungen für die urbane Verkehrswende. Was sich auch ändern muss, ist unsere Verkehrskultur: Rücksichtnahme, persönliche und gesellschaftliche Entschleunigung, Miteinander statt Gegeneinander. Gelebte Fairness im urbanen Raum basiert auf einem gerechten, nachhaltigen Verkehrssystem. Und die Pandemie hat gezeigt, wie sehr es dieses braucht, um städtisches Leben krisenfester zu machen. Wir wünschen uns, dass diese Erkenntnis nachwirkt und Kopenhagens Solidarität mit seinen Radler*innen andere Städte inspiriert. Der Copenhagenize Index 2021 darf uns gerne überraschen. Denn wir finden, auch Radfahren ist systemrelevant – für eine gesunde Gesellschaft und einen gesunden Planeten.

Hoppla, da ist etwas schief gelaufen!

Verstanden!